24. Dezember

23:12, jedes Mal wenn ich um 12 Minuten nach 11 nachts auf die Uhr schaue, denke ich an den Tag vor Weihnachten. Weihnachten ist dann immer für einen kurzen Augenblick gleich morgen, in 48 Minuten. Meist fallen mir fast schon die Augen zu, meist ist es unter der Woche und es ist immer viel zu spät. Ich bedauere dann, dass es kein 24:12 gibt. Ich stelle es mir aber kurz vor. Weihnachten auf der Uhr. So eine LED-Uhr mit roten Ziffern, die durch die stille Nacht leuchtet. Weihnachten ist dann auch mitten im August ganz nah. Draußen ist es warm, so warm, zu warm zum Schlafen. Ich drehe meine Decke, die kühle Seite zum Körper. 23:14. In 46 Minuten ist morgen.

 

 

Weil Weihnachten ist, gibt es noch einen zweiten Text. Um eine Schneeflocke habe ich eine kleine Geschenkschleife gebunden.

 

Was an Schnee da war, fiel, Schnee über Schnee, Schnee

im Schnee nur Schnee, Schnee und nochmals Schnee.

Was blieb, war vor dem Schnee zu versagen und das blieb.

Bis zu den Ohren steht mir schon der Schnee und der Himmel ist noch voll davon.

 

aus: Julia Dathe „1“, Elif Verlag 2017

Wenn ich diesen Text jetzt wieder lese, dann ist da auch dieses Licht, wenn ich den Schnee sehe. Dieses warme Licht, welches die Verzweiflung über den Schnee warm mildert. Von diesem Licht habe ich leider nichts in den Text geschrieben. Hätte ich mal machen sollen.

 

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Sonntag, 17. Dezember

Vor der Tür regnet es. Die Tropfen sind so schwer und schnell, sie schlagen schon, plalatsch, aufeinander. Plalatsch. Hinter der Tür, es plalatscht nur so, ist niemand. Plalatsch. Aber hinter dem Fenster steht ein Kind und schaut hinaus. Es regnet so viele Stunden schon, das Kind sieht die Tropfen gar nicht mehr. Das Kind schaut durch den Wasser hindurch und sieht die sonnenbeschienene Ordnung des wohlgeharkten Vorgartens, eines leeren Weges, der baumbestandenen Straße, eines anderen leeren Weges und des wohlgeharkten Vorgartens genau ihm gegenüber. Hinter genau diesem Vorgarten steht ein auch Haus, aus dem ebenfalls ein Kind herausschaut. Hindurch den Plalatsch-Regen in die sonnenbeschienene Landschaft in die Augen des Kindes ihm gegenüber. Es sieht an der Sonne vorbei mitten in das Dunkel der sich immer weiter öffnenden Pupille, bis sich das Schwarz auflöst in eine baumbestandene Straße, mit leeren Weg, einem wohlgeharkten Vorgarten und ein Haus mit einem Fenster, hinter dem ein Kind in den Pupillen steht.

 

 

Sonntag, 10. Dezember

Schnee fegen, Schnee sacht fegen

nachts mit Asche bestreuen den Schnee auf den Schultern

der fällt wie Schuppen vor den Augen.

Schnee.

 

 

aus: Julia Dathe „1“, Elif Verlag 2017

Dieses Fegen findet vor meinen Augen immer mit so einem hölzernen Handkehrer mit schwarzem Rosshaar vorn an der Spitze und weißem im Rest statt, aber immer ohne Kehrblech. Ich fege weg, nie auf.

8. Dezember

Freitags steht noch immer die Milch vom Wochenende im Kühlschrank. Die Woche geht so langsam/schnell rum, je nach dem, auch wenn die Geschwindigkeit nichts zum Aussuchen ist. Unter der Woche brauche ich keine Milch. Kaffee trinke ich nur unterwegs, ich reiße meist zwei Sahnenäpfchen auf. Ein Tetrapak H-Milch ist mir lieber. Gewärmte Frischmilch erfreut mich über die Maßen. Noch lieber ist mir Espresso, den aber bitte ohne Milch. Aber diesen gibt’s selten in gut. Kaffee, egal welche Güte braucht Milch. Milch macht mild. Zuhause wäre Milch, aber zuhause trinke ich kaum Kaffee, nicht unter der Woche. Milchreis oder Pudding koche ich selten.Ich habe schon nach speziellen Rezepten zum Aufbrauchen geschaut. Ergebnis: Milchreis, Pudding. Ach, und Griesbrei. Die Milch bleibt die ganze Woche über im Kühlschrank, angerissen, wochentags unangetastet, und vor dem nächsten Wochenende kippe ich sie weg. Meist ist es ein halber Liter. Weiß. Sieht frisch aus. In den Küchenausguss. Aber wirklich frisch, ich weiß nicht. Meine Freitagmorgenstätigkeit. Die frische Milch und das neue Wochenende in Aussicht.

7. Dezember

Ein rhythmischer Duft auf Schnee

der ausgewiesen ein zyklischer Ruf ist

schneie ich Schnee

Schnee so laut.

 

 

 

aus: Julia Dathe „1“, Elif Verlag 2017

Manchmal glaube ich, dass ich diesen Text gar nicht selbst geschrieben habe. Habe ich aber. Aber warum glaube ich das dann nicht. Der Text ist so laut. Ich weiß nicht mehr, wie ich das damals geschrieben habe. Und was ich mich bis heute auch frage, wie lange dauert dieser Zyklus des Rufs? Wann wird wieder gerufen?

6. Dezember

Ein Tag, gerne Mittwoch, ausgeschlafen, Urlaub, frisch geduscht. Im federnden Gang ganz ohne Termine. T-Shirt, Jeans, ein bisschen Klimpergeld in der Hosentasche. Genug für Croissant und doppelten Espresso. In der anderen Tasche ein größerer Schein, den der Monat nicht mehr braucht. Leicht und reich in der Hand wiegt er den Eintritt ins Museum, Mittagessen, ein Taschenbuch. Dazu zwei Kaffee und ein Glas Wein. Das Handy auf stumm.

Abends sind die Taschen links und rechts am Klimpern. 2,21 links und einen zufriedenen Tag in der Hand. Rechts 1,67 Euro und eine kurze Erinnerung an morgens Croissant und Doppio. Die rechte Hand wird ein Stück Butter, die linke ein halbes Brot, bitte geschnitten. Die restlichen Münzen im Blumentopf vergraben und gießen.Die Sneakers an der Garderobe, in Flipflops auf dem Balkon. Im Übermut noch reich und leicht auf den Momentwarten, an dem ich aufstehe und ins Bett gehe, bevor es selbst merke.

5. Dezember

Zu Beginn des Winters riecht es nach Brand, wenn Öfen angeschürt werden. Das drückt auch in die Wohnungen mit Heizung. Ich bin jedes Jahr verblüfft, es gibt hier noch immer Öfen. Kurz vorher denke ich, in meiner Wohnung wäre Gas ausgetreten. Ich öffne in leichter Panik das Fenster und dann ist da Winter. Kalt, bis sich die Nässe überall entlangdrückt. Die Straßenlaternen streuen ihr gelbes Licht in den viel zu frühen Abend. Ich sehne mich selten nach meiner Jugend, aber nach dem letzten guten Sommer schon. Ich will diesen warmen Staubgeruch und Ferien. Sommerferien. Dieses Wort birgt eine Leichtigkeit, die nach Freibad, Freundinnenbesuch, Sandalen, Vormittags in der kühlen Stadtbibliothek, ein Nogger Choc, bitte!, viel Kichern und zufällig DEM Typen übern Weg laufen und dann doch nur blöde kichern, nach Sommerstaub und Stadtpark, nach halb elf kann auch abends sein, nach Nachmittagskino und baumelnden Beinen klingt. Draußen drückt sich die Nässe entlang. Der erste Schnee des aktuellen Winters ist geschmolzen. Nogger Choc liegen in der Eistruhe im Rewe. Friervorrat.

4. Dezember

Letzte Woche kollidierte mein Kopf mit Stahl. Vormittags, im Vorübergehen. Und auch wenn man hier und da meinen könnte, ich sei stur, war mein Kopf nicht härter als dieser Stahlträger.

Seitdem gehe ich langsam. Gehe ich schnell, warnt sofort ein Schmerz im Kopf. Ich muss nun Straßenbahnen ohne mich abfahren sehen. Alte Menschen überholen mich. Straßen zu überqueren, ob mit oder ohne Ampel, hält nun ein Herausforderungspotential bereit. Zeit und Geschwindigkeit, ich extrem langsam mittendrin, da wird häufiger gehupt. Verblüffend nun, Hunde ohne Leine haben mich bisher noch nicht gebissen, obwohl ich die Straßenseite nicht mehr rasch wechseln kann. Ich gehe einfach aus dem Haus, ohne eine bestimmte Abfahrtszeit eines Verkehrsmittels im Blick zu haben. Es pünktlich zu erreichen, bleibt fraglich. Ich muss langsam gehen und mein Kopf definiert, was langsam ist, stündlich neu. Gehe ich zu schnell, zack, Kopfschmerz. Ich vermisse zwar das Rennen, überhaupt Rasches, Schnelles, TempoTempo, aber das kommt noch viel zu schnell wieder. Manchmal bleibe ich einfach stehen. Ich bleibe einfach stehen. Und bleibe stehen. Stehe da. Da. Alle und alles geht an mir vorrüber. Je länger ich stehe, desto schneller werden die Bewegungen. Inzwischen sind Bewegungen nur noch Leuchtspuren, vorbeiziehende Wärme, hallen Klänge. Kälte steigt auf. Um mich ein Flimmern, Blitze, leichtes Fieber, Glühen, Pochen. Dieses Pochen.

3. Dezember

Ich höre wie Schnee

den Boden berührt

ich höre ich höre ich höre wie schnee

ich höre den boden ich höre berührt

 

 

aus: Julia Dathe „1“, Elif Verlag 2017

Manchmal denke ich, dass ich mich in diesem Text dazu joggen höre. Abends, nach einem Tag, laufen in Laufklamotten, der Schnee knirscht unter jedem Schritt zusammen, Bäume, gelbes Licht, Schnee fällt. Ich jogge gar nicht, aber in diesem Gedicht schon.